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Kapellengespräch

NOV
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Kapellengespräch


Datum Dienstag, 2. November 2021, 19:00 Uhr
Standort Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Breitscheidplatz, 10789 Berlin
Mitwirkende
Dr. Heinrich-Wilhelm Wörmann
Kapellengespräch

Die Auslöschung von Orten der Geschichte in der Nachkriegszeit

Kapellengespräch mit Dr. Heinrich-Wilhelm Wörmann, Gedenkstätte Deutscher Widerstand

 1957, im selben Jahr, in dem Bevölkerungsproteste die Erhaltung des Ruinenturms der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche erzwangen und der Architekt Egon Eiermann daraufhin seine Baupläne völlig neu aufstellte, wurden zwei Querstraßen weiter die durchaus noch gut erkennbaren Reste der 1912 eingeweihten Synagoge in der Fasanenstraße abgetra­gen. Die große liberale Synagoge, in der oft Leo Baeck gepredigt hatte, war bei den Novemberpogromen 1938 in Brand gesteckt worden und wurde dann, wie auch die „Neue Synagoge“ in der Oranienburger Straße, in derselben Nacht vom 22. zum 23. November 1943 durch Bomben ge­troffen, in der auch die Gedächtniskirche in Brand geraten war. Gut zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwartete man in der da­mals, nach der Vertreibung und Ermordung großer Teile der jüdischen Bevölkerung Berlins während der NS-Zeit, zahlenmäßig kleinen jüdi­schen Gemeinde Berlins nicht mehr, eine so große Gottesdienststätte zu benötigen. Am Ort der früheren Synagoge wurde stattdessen vom Land Berlin das Jüdische Gemeindehaus errichtet, bis zum Umzug in die Ora­nienburger Straße 2006 Sitz der jüdischen Gemeinde und seither Sitz der jüdischen Volkshochschule.

Auch die Ruinen anderer jüdischer Gotteshäuser wurden in den 1950er Jahren abgetragen, z. B. die der am 9.11.1938 niedergebrannten großen Synagoge in der Wilmersdorfer Prinzregentenstraße oder die der fast genauso großen Synagoge in der Moabiter Levetzowstraße. Und nicht nur sie verschwanden damit für Jahrzehnte als Erinnerungsorte aus dem Gedächtnis der Stadt, sondern ebenso die Orte des Grauens, etwa das Reichssicherheitshauptamt und Eichmanns Judenreferat oder das Gleis 17 am Bahnhof Grunewald, von dem aus in den Jahren 1941 und 1942 rund 10 000 jüdische Menschen in die Konzentrations- und Vernich­tungslager Riga und Warschau, Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden – und wo erst seit 1998 ein Mahnmal bleibend an das Gesche­hene erinnert. Wie konnte es damals dazu kommen? War es Unfähigkeit oder Gedankenlosigkeit, die dazu führte, oder sogar Bösartigkeit? Und wie verlief seither der gesellschaftliche Diskurs zu diesen Fragen, wie fielen die Entscheidungen auf dem Weg zu dem, was wir heute Gedenk-oder Erinnerungskultur nennen? Zu diesen Fragen spricht der Historiker Dr. Heinrich-Wilhelm Wörmann, langjähriger Mitarbeiter in der Ge­denkstätte Deutscher Widerstand und Autor mehrerer Bände der Schrif­tenreihe „Widerstand in Berlin“.