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Radiogottesdienst

MAI
29

Radiogottesdienst


Datum Sonntag, 29. Mai 2022, 10:00 Uhr
Standort Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Breitscheidplatz, 10789 Berlin
Mitwirkende
Pfarrerin Dr. Cornelia Kulawik
Radiogottesdienst

„Die Kathedrale wird auferstehen“ Erinnerung an die Einweihung der  wiederaufgebauten Kathedrale von Coventry am 25. Mai 1962

Pfarrerin Dr. Cornelia Kulawik, Pfarrerin Kathrin Oxen

Übertragung auf rbb Kultur, 92,4 MHZ


Der jüdische Sprachwissenschaftler Victor Klemperer hat in seiner Abhandlung über die Lingua Tertii Imperii, die „Sprache des Dritten Reichs“, dem Verb „coventrieren“ einen eigenen Abschnitt gewidmet. Es ist ein besonders abstoßendes Detail in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dass die deutsche Propaganda meinte, für ihre Luftangriffe auf das Vereinigte Königreich ein eigenes Verb erfinden zu müssen. Und es war die Zerstörung der mittelenglischen Stadt Coventry, die den Anlass dazu gab. In der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 flogen deutsche Bomber einen Angriff, der den zynischen Decknamen „Operation Mondscheinsonate“ bekommen hatte. Über 500 deutsche Bomber warfen die ganze Nacht über ihre Bomben ab. Schon um 20 Uhr stand die Kathedrale St Michael’s in Flammen. Der damalige Dompropst Richard Howard versuchte selbst noch, dort Brände mit Sand zu löschen, musste aber wegen der andauernden Bombardierung bald aufgeben. Als einzige Kathedrale im ganzen Königreich wurde die aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche völlig zerstört. Aus den ausgeglühten Nägeln der Dachkonstruktion formte man wenig später ein Kreuz. Als Symbol der ökumenischen Nagelkreuzgemeinschaft wurde das „Nagelkreuz“ berühmt.
Fast genau drei Jahre später, im November 1943, wurde die Gedächtniskirche in Berlin von englischen Bombern zerstört. Aber auch der englische Angriff ist nicht die Vergeltung für den deutschen Angriff auf Coventry und andere Städte geblieben. Daraus wurde eine bewegende und einzigartige Geschichte echter Versöhnung. Versöhnung ist nicht die Stille, die nach dem „wie du mir, so ich dir“ eintritt. Versöhnung bedeutet auch nicht, das, was gewesen ist, unter den Teppich zu kehren und zu hoffen, dass es sich mit der Zeit festtritt. Die Wunden des Krieges sind nach 80 Jahren in Coventry und in Berlin geheilt, im Gesicht unserer Städte und vor allem durch den Neubau der beiden zerstörten Gotteshäuser. In einzigartiger Weise bleiben aber in Coventry und in Berlin die Wunden der Vergangenheit sichtbar. Anders als in anderen Konzepten des Wiederaufbaus, wie etwa bei der Frauenkirche in Dresden oder auch der Garnisonkirche in Potsdam, ist die gebrochene Vergangenheit hier auch baulich noch zu sehen. Es ist die sichtbare, sogar anfassbare Erinnerung an die Taten der deutschen Geschichte genauso wie die Erinnerung daran, dass jede Art von Vergeltung nur weitere Zerstörung bedeuten kann. Die Kirchen in Coventry und Berlin bilden eine Leidens- und eine Hoffnungsgemeinschaft. Sie sind Schwestern, die das gleiche erlebt haben, die mit den gleichen Gefühlen von Ohnmacht und Wut, Scham und Verzweiflung umgehen müssen. Richard Howard, der Dompropst von Coventry, konnte die echten Brände in der Kathedrale nicht löschen. Aber sein Engagement für Versöhnung hat zuverlässig und dauerhaft den Brand gelöscht, der in Menschenherzen nur allzu leicht zu entfachen ist: Hass und Vergeltung. „Die Kathedrale wird auferstehen, sie wird wiederaufgebaut werden und sie wird der Stolz der zukünftigen Generationen sein, so wie sie der Stolz vergangener Generationen war“, sagte er schon  kurz nach dem Angriff von 1940. Er hat recht behalten. Am 25. Mai 1962 wurde die neue St Michael’s Cathedral neben der Ruine eingeweiht. Erbaut nach Plänen von Basil Spence, ist sie genau wie die Gedächtniskirche mit ihrer kompromisslos modernen Architektur und ihren leuchtenden Glasfenstern längst selbst zu einem spirituellen Ort mit einem eigenen geistlichen Leben geworden.

Mit einem Radiogottesdienst am Sonntag, 29. Mai 2022 um 10.00 Uhr erinnern wir an die besondere Verbindung zwischen unseren Kirchen. Pfarrerin Dr. Cornelia Kulawik, die viele Jahre Pfarrerin an der Gedächtniskirche war, ist als Mitglied des Leitungskreises der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft eng mit der Versöhnungsarbeit verbunden und wird den Gottesdienst mit Pfarrerin Kathrin Oxen gemeinsam gestalten.