Eine Luftaufnahme von der alten Kirche.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche vor dem 2. Weltkrieg

Berlin erlebte Ende des 19. Jahrhunderts durch die Industrialisierung einen enormen Bevölkerungszuwachs. 

Allein zwischen 1871 und 1919 wuchs die Bevölkerung auf dem Gebiet des späteren „Groß-Berlin“ von 900.000 auf 3,7 Millionen Einwohner. Auf Initiative von Wilhelm II und seiner Ehefrau Auguste-Victoria wurde 1890 der „Evangelische Kirchenbauverein für Berlin“ gegründet, um durch den Bau neuer Kirchen die sogenannte „Kirchennot“ zu lindern. Über die rein kirchlichen Belange hinaus verfolgte man damit staatspolitische Ziele, sollte die Kirche doch auch stabilisierender Faktor im Kaiserreich sein. Mit Unterstützung des Vereins entstanden nach 1890 mehr als 40 Kirchen in Berlin, von denen die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die bekannteste ist. 

Eine Abbildung zeigt den Grundriss der alten Kirche.

Bereits auf der Gründungsversammlung des Kirchenbauvereins am 2. Mai 1890 wurde vorgeschlagen, eine Gedächtniskirche für den „Heldenkaiser Wilhelm I“ zu errichten. Schon einen Monat später erfolgte die Ausschreibung für Architektenentwürfe. Dabei war Oberhofmeister Ernst von Mirbach (1844-1925) neben dem Kaiser treibende Kraft für den Bau der Gedächtniskirche. Stilvorgaben gab es für die neun ausgewählten Architekten nicht, aber es war bekannt, dass Kaiser Wilhelm II den spätromanischen Stil mit Bezug auf die Glanzzeiten des alten deutschen Kaiserreichs unter den Hohenstauffen für sich als den „echten deutschen Kirchenbaustil“ ausgewählt hatte. Speziell in den Rheingegenden fand er zahlreiche Beispiele (Köln, Limburg, Koblenz, Speyer, Mainz), die er als zitierbare Architekturmotive ansah. Der Kaiser entschied sich für den Entwurf des Architekten Franz Heinrich Schwechten (1841-1924), der nach dem Bau des Anhalter Bahnhofs schon 1888 zum Königlichen Baurat ernannt worden war. In dessen Zeichnungen fand der Kaiser seine neoromanischen Bildvorstellungen am besten wiedergegeben. Nach der Entscheidung für Schwechtens Entwurf, musste eine Bauplatz gefunden werden. In Erwartung kaiserlichen Wohlwollens übergab Charlottenburg im Oktober 1890 dafür aus städtischem Besitz das Grundstück am Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Hardenberg-Straße, mit der Bitte, es „Auguste-Victoria-Platz“ zu nennen. Ein zusätzlich benötigtes Stück vom Zoogelände wurde dem Kaiser natürlich nicht verwehrt.

Der Grundstein für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde am 22. März 1891, dem Geburtstag von Wilhelm I, gelegt. Zur Grundsteinlegung erschienen neben Kaiser und Kaiserin das gesamte Kaiserhaus, Minister, Generäle (unter anderem der greise Generalfeldmarschall Graf von Moltke), hunderte Ehrengäste und tausende patriotische Zuschauer. Als Bauzeit waren von Anfang an vier Jahre geplant (es wurden dann bis zur Einweihung viereinhalb Jahre). 

Das Foto zeigt die Baustelle der alten Kirche.

Im Durchschnitt waren täglich 120 Arbeiter auf der Baustelle, im Jahr der Fertigstellung waren es sogar 550. Der Kaiser hatte ein großes persönliches Interesse am Baugeschehen, war häufig auf der Baustelle, sparte nicht mit Hinweisen und Wünschen. Zum Beispiel sollte es unbedingt die höchste Kirche Berlins werden, was nur durch den Trick gelang, auf den höchsten der fünf Türme, statt der üblichen Spitze mit Krone und Kreuz, noch zusätzlich eine Stange mit einem Stern zu setzen. So erreichte man eine Gesamthöhe von 113 Metern (die Petri-Kirche hatte 111 Meter, die Georgen-Kirche 105 Meter). Dem Grundriss des Kirchenraums lag das Motiv eines lateinischen Kreuzes zugrunde. Hier waren ca. 1700 Sitzplätze, 300 Stehplätze und vor der Orgel noch 80 Orchester- und 400 Chorsängerplätze geplant. Der Bestimmung dieser Kirche entsprechend war dem Kirchenraum eine Gedächtnishalle für Kaiser Wilhelm I vorgelagert. Die Kirche von St. Marco in Venedig war hierfür und auch für die Eingangsportale das Vorbild. 

Das Foto zeigt die alte Kirche von Innen.

Am 22. Februar 1906, fünf Tage vor der Silberhochzeit des Kaiserpaares, fand die feierliche Enthüllung der Vorhalle statt. Nach der Einweihung der Kirche vor elf Jahren wurde nicht nur viel Unfertiges beendet, sondern es waren auch immer wieder neue Wünsche nach schönerer und wertvollerer Verzierung vom Kaiser geäußert worden. Zum Schluss haben Kirchenraum und Vorhalle zusammen ca. 3000 Quadratmeter Mosaikschmuck und 1100 Quadratmeter Marmorschmuck. Die „Deutsche Glasmosaik-Anstalt Puhl & Wagner“ war ohne Unterbrechungen 14 Jahre lang mit der Ausstattung des Kirchenraums und der Vorhalle beschäftigt. 

In der Gedächtnishalle zeigt ein Tonstiftmosaik den Erzengel Michael im Kampf mit dem Drachen. Im darüberliegenden Deckengewölbe erscheint Christus Pantokrator (Weltenherrscher). Der kirchengeschichtliche und patriotische Rahmen und das Leben des alten Kaisers waren Hauptthemen der Wandgestaltung. 

Auf der Ostseite des Tonnengewölbes sieht man die Prozession der Hohenzollern, links die älteren, rechts die jüngeren Hohenzollern. Dabei fehlen rechts die ersten vier preußischen Könige. Deren religiöse und philosophische Ansichten waren eher unpassend, wenn die Betonung auf dem gottgewollten Aufstieg Preußens, dem Gottesgnadentum und der Einheit von Thron und Altar liegen sollte. Schließlich war die Gedächtniskirche auch als ein Aushängeschild des Kirchenbauprogramms vorgesehen. Technisch war sie auf dem neuesten Stand. Sie verfügte über eine elektrische Beleuchtung und eine Heizung durch eine Heißwasseranlage. 

Die Kosten des Kirchenbaus und der inneren Ausstattung wurden 1908 auf der Generalversammlung des Evangelischen Kirchenbauvereins mit 6.410.000 Mark beziffert. Das ist eine erstaunliche Summe, wenn man bedenkt, dass am Anfang in der Ausschreibung 650.000 Mark vorgesehen waren und Schwechten seinen Entwurf mit 900.000 Mark kalkuliert hatte. 

Nach der Eröffnung 1895 war der Kostenstand schon bei 3.400.000 Mark angelangt. 

Finanziert wurde das Bauunternehmen durch Spenden, allen voran das Kaiserhaus mit 910.000 Mark. Neben Vereinen und Gemeinden sind prominente Namen wie Siemens, Wertheim, Krupp und Mendelsohn-Bartholdy auf der Spenderliste ebenso vertreten, wie einfache Handwerker, Kaufleute oder Rentner. 

Entgegen sonstiger kirchlicher Gepflogenheiten befand und befindet sich die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nicht im Besitz der Gemeinde, sondern sie gehört der im Jahre 1904 vom Kirchenbauverein gegründeten Stiftung. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gemeinde ca. 30.000 Mitglieder. Das Grundstück gehört der Stadt Berlin. 

Das monumentale Denkmal überdauerte nicht einmal ein halbes Jahrhundert. Bei einem Großangriff der britischen Luftwaffe in der Nacht zum 23. November 1943 wird, ebenso wie das Schloss Charlottenburg, auch die Kirche schwer getroffen und weitgehend zerstört. Ein knappes Jahr später erhält sie am 11. August 1944 einen weiteren Volltreffer und Artilleriebeschuss am Kriegsende setzt den Schlusspunkt der Zerstörung.

Das Foto zeigt die Gedenkhalle der alten Kirche.

Nach der Enttrümmerung fanden Anfang der 1950 Jahre zwischen den zerstörten Wänden noch Gottesdienste, Konzerte und Theateraufführungen geistlichen Inhalts unter freiem Himmel statt. 1956 wurden die Reste des Ostchores abgerissen. 

Nach langen Diskussionen wurde entschieden, den teilzerstörten Hauptturm (der jetzt nur noch 68 Meter hoch ist) zu erhalten und mit der darin befindlichen Gedenkhalle den letzten Kirchenraum, der eine Vorstellung vom einstigen Glanz der zerstörten Kirche vermitteln kann.