Das Foto zeigt die Gemeinde bei einem Gottesdienst in der zerstörten Kirche. Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-KircheGottesdienst in der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Pfingsten 1953

Wiederaufbau: Umkämpfte Zukunft der Kriegsruine

Der Umgang mit der Kirchenruine und die zukünftige Gestalt der Gedächtniskirche waren umkämpft in der Nachkriegszeit. 

Zwischen 1947, als diesbezügliche Debatten losgingen, bis zur Fertigstellung des vom Architekten Egon Eiermann entworfenen Gebäudeensembles 1963 lag ein langwieriger und ergebnisoffener Aushandlungsprozess. Es waren mehrere, zum Teil grundverschiedene Ideen im Umlauf: von einem rekonstruktiven Wiederaufbau der ursprünglichen Kirche, über eine Kombination aus Alt und Neu, bis hin zu einem Neubau in modernen Bauformen. Dabei ging es nicht nur um die zukünftige Gestalt der Kirche, sondern auch um die städtebaulich-architektonische Entwicklung des Platzes, auf dem die Kirchenruine stand, der 1947 in den Breitscheidplatz umbenannt wurde. Durch seine repräsentative Lage im West-Berliner Zentrum kam diesem Areal im Kontext des Kalten Krieges und der Teilung Berlins eine besondere stadtgestalterische und symbolpolitische Bedeutung zu.

Das Foto zeigt Konzert in der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
Konzert in der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, 1952

Zur Debatte stand sogar, ob die Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz überhaupt bleiben sollte. Die städtischen Behörden befürworteten eine Zeit lang einen ganz neuen Standort für die Kirche, um den Breitscheidplatz im Sinne der zeitgenössischen städtebaulichen Leitbilder, wie der Vorstellung einer autogerechten Stadt, grundlegend umzugestalten. Hingegen hielt die kirchliche Seite - das Kuratorium der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (heute: Gedächtsnis-Kirche) als Erbbauberechtigte des Grundstücks - am bisherigen Standort fest, um die Gemeindetradition und eine kirchliche Prägung des West-Berliner Stadtzentrums aufrechtzuerhalten. Erst 1951-52 wurde die Kirchenruine enttrümmert. Danach fanden in der Ruine unter freiem Himmel vereinzelte Veranstaltungen statt. Die Bilder von diesem erstaunlichen Provisorium der Nachkriegszeit zeigen einen gut besuchten Pfingstgottesdienst oder ein Konzert, bei dem die Besucherinnen und Besucher witterungsbedingt Regenschirme tragen.

In den folgenden Jahren kam die Suche nach einer langfristigen Lösung immer mehr ins Rollen. 1954 erarbeitete Werner March, der Architekt des Berliner Olympiastadions und Professor für Städtebau an der Technischen Universität Berlin, im Auftrag des Kuratoriums der Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (heute: Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche) einen Entwurf für den Neubau der Kirche. Der alte Turm- und Chorbereich bleiben erhalten und werden teilweise in vereinfachter Weise historisierend wiederhergestellt. Dazwischen steht ein neues Kirchenschiff aus Beton, das im Inneren parabelförmig ist und nach außen gleichförmige Fenster aufweist. Zugleich greift Marchs Schiff die Kontur des kaiserzeitlichen Schiffes auf und ist in Anpassung an die historischen Reste mit Trümmersteinen verblendet. Dadurch wird eine möglichst nahtlose Integration der Gegenwart in einen Rahmen angestrebt, der von der z.T. fabrizierten Vergangenheit geprägt ist.

Das Foto zeigt Werner Marchs unrealisiertes Modell für den Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, 1954. Archiv der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
Werner March, unrealisiertes Modell für den Neubau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, 1954

Für Marchs Vorhaben wurden 1954-55 die übriggebliebenen Teile der Ruine zwischen dem Turm- und dem Chorbereich abgerissen. Allerdings konnte sich der Entwurf nicht durchsetzen. Der Senat verweigerte die Baugenehmigung. Der zentrale Kritikpunkt: zu vergangenheitsgewandt und konservativ. Stattdessen sollte auf dem prominentesten Platz West-Berlins, so das Kernargument, ein  Zeichen von Modernität und Zukunftsorientierung gesetzt werden. Tatsächlich diente das Baugeschehen im geteilten Berlin in besonders anschaulicher Weise als symbolpolitisches Konfliktfeld zwischen Ost und West. Der Einsatz für Modernität in West-Berlin, dem "Schaufenster des Westens", stellte eine deutliche Abgrenzung zur pompösen historisierenden Architektur im Ost-Berlin der 1950er Jahre dar. So entstand im Areal des Breitscheidplatzes, rund um die Kirchenruine, ab den 1950er Jahren ein ausdrücklich von der Nachkriegsmoderne geprägter Stadtraum.