Das Foto zeigt die Baustelle des neuen Kirchenensembles. saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Karlsruher Institut für Technologie, Werkarchiv Egon Eiermann
Aufbau des Stahlskeletts des Kirchenoktogons, 1960

Das neue Kirchen-Ensemble

Egon Eiermann positioniert die vier neuen Kirchenbauten um die Turmruine.

Das von Eiermann entworfene Ensemble bilden die Turmruine und vier Neubauten. Die Ruine ist das zentrale und mit ihren 71 Metern auch das höchste Element. Im deutlichen Kontrast zu ihr stehen die Neubauten, die durch ihre schlichte, geometrische Gestaltung und die Materialien Beton und Stahl geprägt sind. Westlich des Ruinenturms erhebt sich die achteckige Kirche; dahinter, weiter westlich, das rechteckige sog. Foyergebäude. Im Südosten steht der sechseckige Glockenturm, im Nordosten die rechteckige Kapelle.

Das Ensemble steht größtenteils auf einem rechteckigen Podium, das sich um mehrere Stufen über den Breitscheidplatz erhebt. Das Podium verbindet die Baukörper miteinader, hebt das Ensemble hervor und stellt zugleich durch seine Durchlässigkeit eine Verbindung zu allen Seiten des Stadtraums her.

Das Ensemble entstand zwischen 1959 und 1963. Die Grundsteinlegung erfolgte am 09. Mai 1959, die Einweihung der Kirche und des Glockenturms am 17. Dezember 1961. Die Kapelle und das Foyer wurden Ende 1963 fertiggestellt.

Das Foto zeigt das neue Kirchenensemble kurz nach dem Bau. saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau, Karlsruher Institut für Technologie, Werkarchiv Egon Eiermann
Gebäudeensemble der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Ansicht von Nordwesten, 1963
Egon Eiermann, Schnitt/Ansicht und Grundriss des ausgeführten Gebäudeensembles der Gedächtniskirche. Von links nach rechts: Foyer im Westen, Kirche, Turmruine, Glockenturm im Südosten, Kapelle im Nordosten

In architektonischer Hinsicht ist das Gebäudeensemble der Gedächtniskirche viel mehr als die Summe seiner Einzelteile. Es ist das Ergebnis eines vielschichtigen Prozesses des In-Beziehung-Setzens, bei dem das Verhältniss von Alt und Neu den gestalterischen Knackpunkt bildete.

Die Einbeziehung der Turmruine wirkte sich auf die Gestalt und die Anordnung der Neubauten aus. Dass beispielsweise die Kirche achteckig ist (und nicht rechteckig wie bei Eiermanns verworfenem Siegerentwurf von 1957), hängt direkt, wenn auch diskret, damit zusammen, dass die Turmruine im oberen Teil auch achteckig ist. Auch die Höhe der Kirche ist auf die Turmruine bezogen; genauer, sie reicht bis zum Hauptgesims der neoromanischen Fassade.

Der Dialog mit der Vergangenheit ging dabei noch weiter zurück. Als Eiermann die Gesamtanordnung des Ensembles konzipierte, studierte er mittelalterliche Kirchenkomplexe in Italien (z.B. Florenz, Parma, S. Zeno in Verona), bei denen freistehende Baukörper (Kirche, Glockenturm, Taufkirche), darunter achteckige, ein spannungsreiches Miteinander bilden. In Berlin ging es Eiermann darum, im Gegensatz zu einer beziehungslosen Gegenüberstellung, ein dialogisches Verhältnis von Alt und Neu zu formen: "ein Spiel des Neuen um den alten Turm herum". Die Neubauten der Gedächtniskirche sind so angeordnet, dass sie aus allen Blickachsen immer im Verhältnis zum Ruinenturm stehen. Das Alte und das Neue präsentieren sich in ihrer Verwobenheit in immer wechselnden Konfigurationen. In ihrem kontrastreichen Miteinander bleiben sie stets eine unzertrennliche Einheit.

Die Bedeutung des Ensembles geht zugleich weit über die gestalterische Leistung, die ihm zugrunde liegt, hinaus. Als Ort des Glaubens und des Erinnerns, des Friedens und der Versöhnung, als Mahnmal gegen den Krieg lebt das Ensemble der Gedächtniskirche ein vielfältiges Leben in der Gegenwart. Seine Einzelteile birgen vielschichtige Raumwelten, die wir näher bringen möchten: Kirche, Glockenturm, Kapelle sowie die zukünftigen Bauprojekte.   

Das Foto zeigt das Kirchenensemble kurz nach seiner Fertigstellung von oben. Quelle: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau
Gebäudeensemble der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Ansicht von Südosten, 1963.
Von links nach rechts: Foyer, Kirche, Turmruine, Glockenturm, Kapelle